Als ob Schuster mit Messi in einer Mannschaft spielte

Mit einem furiosen Trainingskick vor versammelter Schülerschaft besiegelt die argentinische Nationalmannschaft der Rollstuhlfußballer ihre Kooperation mit der Goethe Schule.

(Von Frank Forster)

Wer in einem Fußballspiel nur den Kampf zweier Mannschaften zu sehen vermag, ist zu bedauern, denn er übersieht dabei seine Schönheit, die weit jenseits bloßer Ergebnisse und Klassifizierungen rangiert. Jeder, der einmal das Glück hatte, einen großen Spieler aus unmittelbarer Nähe beobachten zu dürfen, versteht, was es heißt, wenn angesichts einer plötzlich aufkeimenden Faszination für Bewegungsabläufe, Kreativität und Spielwitz alles andere unwichtig wird. Der Fußball ist etwas zutiefst Menschliches und lädt zu Genuss- und Glücksgefühlen ein, die – auch wenn dies für manche Ohren ketzerisch klingen mag – nicht allzu weit entfernt sind von denen, die einem der Besuch einer Ausstellung im MALBA oder eine Puccini Oper im Colón verschafft. 

Wer wollte, konnte dies am vergangenen Freitag selbst erleben, als die argentinische Nationalmannschaft im Rollstuhlfußball ein Trainingsmatch vor Schülern der Primaria und Sekundaria der Goethe Schule absolvierte. Die Platzierung beim diesjährigen America ́s Cup in Rio de Janeiro entscheidet über die Qualifizierung für die Weltmeisterschaft 2021 in Australien. Von daher ist die Mannschaft natürlich besonders dankbar für die idealen Trainingsbedingungen, die ihr nun von der Schule zur Verfügung gestellt werden. Den Kontakt zur Auswahl hatte im übrigen Rolf Wiedenbrüg, Ex-Goethe-Schüler und heutiger Manager des Hauptsponsors Volkswagen, hergestellt. 

Beim Rollstuhlfußball besteht eine Mannschaft aus vier Spielern, davon drei Feldspieler und ein Torwart. Gespielt werden zwei Halbzeiten zu je 20 Minuten. Die elektrischen Fortbewegungsmittel, die bis zu 10 km schnell sein dürfen, verfügen über individuell ausgerichtete Steuerungen und einen verstärkten Fußbereich. Pässe und Torschüsse erfolgen, indem der Spieler sein Gefährt seitlich ausscheren lässt, um den Ball anschließend mit Schwung in die entgegengesetzte Richtung zu befördern. 

Der Star der argentinischen Nationalmannschaft ist Augustin Zanoli, ein 25-jähriger Maschinenbaustudent aus Córdoba. Der Mannschaftsführer der „Titanes aus Córdoba“, zugleich Sportschütze, Ski-Enthusiast und Besitzer einer Drohne, die er über Augen- und Kopfbewegungen manövriert, ist seit seinem schweren Quad-Unfall am Strand von Cariló im Alter von 18 Jahren querschnittsgelähmt. „Bereits in dem Moment, wo der Unfall passierte, wusste ich, dass etwas Schlimmes geschehen war. Aber nie hätte ich es für möglich gehalten, dass meine Verletzungen so schwerwiegend sein würden“, erklärte er Jahre später in einem Interview mit der Zeitschrift AFP. Sein über die Kopfstellung lenkbaren Rollstuhl wurde vom argentinischen Luftfahrtingenieur Daniel Sequeiros entwickelt. Dieser war es auch, der ihm das Steuerungssystem für seine mehr als 100 km schnelle Drohne bastelte. In seinem Studium arbeitet der Sportler mittlerweile selbst an einem elektrischen Rollstuhl, der ihm erlauben soll, eine alte Leidenschaft wieder aufzunehmen, das Skifahren. 

Das Trainingsspiel in der Turnhalle der Goethe Schule lässt keinen Zweifel: der 25-Jährige Zanoli ist Dreh- und Angelpunkt der Auswahl. Von seiner zentralen Mittelfeldposition aus lenkt er das Spiel und setzt seine Mitspieler mit einer Lässigkeit und Präzision in Szene, die Assoziationen an Spielmacherlegenden wie Zico oder Bernd Schuster wecken. Wie diese antizipiert er taktische Finten des Gegners und entwickelt unter eiskalter Ausnutzung gegnerischer Schwächen immer neue und überraschende Angriffe. 

Welch ein Glück, dass ihm dabei ein Mitspieler zur Seite steht, der in Spielweise und Effizienz an den momentan besten Spieler der Welt erinnert. Der Messi des argentinischen Rollstuhlfußballs 

heißt Valentino Zegarelli und ist 14 Jahre jung. Während der WM 2017 in den USA, bei der Argentinien den 7. Platz belegte, schoss der begnadete Knipser sagenhafte 28 der 37 Tore seines Teams und gewann noch im selben Jahr mit seinen „Los Tigres de Pacheco“ die Copa Libertadores in Brasilien. Es macht Laune mitanzusehen, mit welcher Leichtigkeit und welchem Geschick sich das Traumduo des argentinischen Rollstuhlfußballs die Bälle zuschanzt und so dauert es nicht lange, bis sich die Begeisterung auf dem Platz auf die mit jungen Zuschauern randvoll besetzte Turnhalle der Goethe Schule überträgt. 

Trainer der Mannschaft ist Baptiste Barriere. Die übrigen Spieler heißen Khaleb Manzur, Valentin, Olmedo, Santino Ombrella, Agustin Orge, Lisandro Uretti und Matias Vignola.

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