„Lasst uns mit Schatten spielen, um die Angst vor der Dunkelheit zu verlieren“

Über die Bilderwelt Melanie Mahlers 

Die 2001 an der staatlichen Kunsthochschule in Buenos Aires ausgebildete und heute als freischaffende Künstlerin, Tutorin sowie Kunstlehrerin an der Goethe-Schule tätige Melanie Mahler zeigte 2019 ihr Werk in zwei Ausstellungen der Hauptstadt (Mai/Juni im Club Alemán und September/Oktober in der Pestalozzi-Schule).

(Von Frank Forster)

Auf den ersten Blick kommen Melanie Mahlers Arbeiten unbekümmert, verspielt, ja geradezu kindlich-naiv daher. Ihre Collagen und Scherenschnitte bevölkern Behausungen jeglicher Form und Art, pittoreske Stadtviertel sowie Tiere und Fantasiefiguren von erstaunlicher Buntheit und reicher Ornamentik und so fühlt sich der Betrachter nur allzu leicht in die heile Welt der Kinderbücher versetzt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn weit davon entfernt, schlichte Wunschträume ins Künstlerische zu übersetzen und eine Flucht in den Schutzraum heiterer Unbeschwertheit zu ermöglichen, wissen diese Bilder sehr wohl von der innewohnenden Tragik der menschlichen Existenz. 

Bereits beim näheren Hinsehen wird deutlich: Die Stadtviertel und Häuser sind jederzeit von Überschwemmungen, Stürmen und Bränden bedroht. Jede Fahrt mit dem Auto, so wunderbar sie zunächst auch erscheinen mag, kann – so wir nicht wachsam sind und gut achtgeben – unsere letzte sein und selbst aus den gelben Plastikenten, die wir in der Badewanne liegen gelassen und längst vergessen haben, dringt bedrohlich schwarz das Grauen, das zwar künstlerisch zu gestalten, aber nie ganz zu bannen sein wird. Es ist die Spannung zwischen dem Wissen um unsere Verwundbarkeit und Endlichkeit und zugleich das Beharren darauf, dass die Liebe und das Glück unwiderlegbare Realitäten unseres Daseins sind, woraus Melanie Mahlers hinreißend anrührende Kunst ihre Kraft und Fülle schöpft. 

Auf die Frage, woran er glaube, gab Thomas Mann einst Folgendes zu Protokoll: 

„Sie werden überrascht sein, mich auf Ihre Frage, woran ich glaube oder was ich am höchsten stelle, antworten zu hören: es ist die Vergänglichkeit. – Aber die Vergänglichkeit ist etwas sehr Trauriges, werden Sie antworten. – Nein, erwidere ich, sie ist die Seele des Seins, sie ist das, was allem Leben Wert, Würde und Interesse verleiht, denn sie schafft Zeit, – und Zeit ist, wenigstens potentiell, die höchste, nutzbarste Gabe.“ 

Dem Romancier zufolge erhält unser Dasein seine Tiefe durch seine zeitliche Bedingtheit. Erst im Wissen darum, dass alles Irdische endlich ist, vermögen wir das Leben in seiner Schönheit überhaupt zu erfassen und wertzuschätzen. Der Umstand, dass so viele unserer Liebeslieder von der Ewigkeit unserer Gefühle künden, sollte uns Hinweis genug sein, dass wir ihrer Dauer im Grunde misstrauen. Nicht einmal die Liebe ist ohne Wehmut zu haben. 

In der Ausstellung der Pestalozzi-Schule „Habito en tu infancia“ hängt eine Collage, die vor dem Hintergrund eines wüsten Farbenmeeres eine Landschaft mit riesenhaften Blättern, abgezirkelten Wiesen (oder Äckern) und zwei kleinen Häusern zeigt. Das eine steht erhöht und daraus strömt eine Wassermasse auf das zweite Haus herab- und hindurch und sammelt sich dahinter in einem See. Wir wissen: Lange wird es wohl nicht mehr dauern und es wird darin versinken. Das Bild wirkt unscheinbar und man vermutet richtig, dass der Hintergrund – das unruhige Farbgewimmel, aus dem sich die spätere Bild-Idee entwickelt – von Jan, Melanie Mahlers vierjährigem Sohn, stammt. 

Die Bescheidenheit ist jedoch trügerisch. Am rechten Rand fährt ein kleiner Zug mit drei Triebwagen aus dem Bild heraus und darüber prangt die farbige Botschaft: „Mama, hilf mir!“ Damit aber nicht genug. Die Verstörung wird durch den Titel des Bildes vermehrt: „Ich werde immer für dich da sein“. Eine Floskel, die uns Eltern nur zu bekannt ist. Sagen wir doch solche Sachen, wenn wir unsere Kinder in Sicherheit wiegen und sie trösten wollen und dabei wissen wir nur zu gut, dass solcherlei Gemeinplätze weiter nichts sind als magische Beschwörungsformeln. Denn der Tag wird kommen, wo es uns nicht mehr gegeben ist ihnen beizustehen. 

Mehr als eine simple Hommage an die Liebe der Mutter Melanie Mahler zu ihrem vierjährigen Sohn ist die Ausstellung „Habito en tu infancia“ eine überaus spannende und präzis durchdachte Auseinandersetzung mit der Liebe, die beide verbindet. Die Künstlerin hat hierfür unterschiedliche Ausdrucksformen gefunden: So handelt etwa das Gedicht „Querido hijo“ von dem Tag (20. Januar 2016), an dem ihr Sohn zum ersten Mal selbständig einen Fuß vor den anderen setzte. Daneben flattert eine lichtdurchflutete Leinwand und darauf stehen in bunten Lettern die Dinge, auf die Jan im Laufe seines Lebens treten wird – mit Einverständnis der Mutter oder ohne: „Papier, Erde, Wasser, Sand, Exkremente ….“ In einer Vitrine sind Jans Spielsachen ausgestellt: Zebra, Löwe, Krokodil, Giraffe und Elefant, die zugleich Ausgangsmotive zu einer Serie surreal anmutender Studien der Mutter geworden sind. Die beiden wichtigsten Bilder der Ausstellung tragen einen gemeinsamen Titel: „Abschied an meine Kindheit“. Bei dem ersten handelt es sich um einen Scherenschnitt, der eine riesige Traube Dinge zeigt, die an einem kleinen gelben Bagger befestigt sind, welcher von einem kleinen bärtigen Männchen gezogen wird. In der Traube erkennen wir bekannte Bildmotive der Künstlerin wieder sowie die sich zu einem Kreis formenden Worte: „Er zieht meine Träume weit weg“. Auf der Arbeit daneben, derselbe gelbe Bagger, dieses Mal ein wenig größer, der die Traube zu den Worten auskippt: „Weg von hier und dass du mir niemals mehr mit meiner Kindheit spielst!“ Wobei nicht unwichtig ist zu vermerken, dass dies Gerümpel aus Phantasie, Wirklichkeit und Traum, das da in die Leere des Bildes stürzt, sich just aus jenen Schnipseln zusammensetzt, die bei der Verfertigung des Geschwisterbildes angefallen sind. 

Die Ausstellung „Papel como Sujeto“ im Club Alemán von Mai bis Juni 2019 war weit weniger intim und zielgerichtet, dafür waren hier Arbeiten aus einem größeren Entstehungszeitraum zu sehen. Wie in der Pestalozzi Schule tauchten auch hier wieder die bekannten Bildmotive auf, allerdings fiel die Ornamentik insgesamt reicher und ungleich filigraner aus und das Spiel mit den Farben war tiefgründiger und komplexer. Gleich blieb hingegen die Bedeutung der Sprache, erkennbar an den oft hintersinnigen Bildtiteln und den Satzfetzen in den Collagen und Scherenschnitten selbst. Zudem wurde deutlich, wie stark die Künstlerin in Bilder-Sequenzen denkt: Anhand von Arbeiten aus den radikal reduzierten „Relatos mínimos“ zeigte die Ausstellung unter anderem Werke aus den spielerisch gehaltenen „Relatos de Viaje“, aus der perspektivisch gewagten Serie „Mi barrio“ sowie „Fuego“, „Agua“ und „Viento“ – drei aufsehenerregende, in mehrere Tiefenschichten übereinander gelegte Scherenschnitte aus den „Catastrofes habituales“. 

Im Club Alemán offenbarte sich wiederum das Faible der Künstlerin, die Komplexität ihres Denkens hinter scheinbar Einfachem und Kindlichem zu verbergen – wobei sie sich dabei bewusst dem Verdacht aussetzt, eine kindliche oder nur Kindern vorbehaltene Kunst das Wort zu reden. Was, wie bereits gezeigt, deutlich zu kurz gegriffen ist. In Wirklichkeit bemüht sich ihre Kunst konsequent darum, die Welt mit unverstellten Augen anzublicken und zu befragen. Damit dies gelingen kann, ist kindliches Staunen über die Welt unabdingbar. Wittgenstein zufolge heißt zu philosophieren, die Dinge so zu sehen, als ob man sie zum ersten Mal sähe. Melanie Mahlers Bilderwelt lädt dazu herzlich ein.

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